Reinhard Walter
Geschichte | Personen | Familienchronik | Wasserleitungen | Verkehr |
Â
Vom Bauerndorf zum Tourismus-Ort
Ein Gespräch mit Reinhard Walter, Alt-Lehrer, Autor und Fotograf von Grächen
Reinhard Walter war früher Lehrer in Grächen und porträtiert seit beinahe einem halben Jahrhundert das Dorf und die Region mit seiner Kamera und Schreibmaschine. Seinen liebevollen und eindringlichen Blick auf die Natur und die Menschen, die in ihr leben, finden wir in einer Vielzahl von Lichtbildern und Schriften über Grächen, die zusammen ein umfassendes Bild des Bergdorfes geben. Reinhard Walter ist denn auch ein ausgewiesener Kenner der Dorfgeschichte. Im Gespräch erfuhren wir, wie sich Grächen von einer bäuerlichen Streusiedlung zu einem Zentrum des Walliser Tourismus wandelte. Wir geben seine Ausführungen zusammengefasst wieder.
Â
"Kein Reservat der heilen Welt und Bergromantik!"
Die Entwicklung von Grächen zu einem Touristenort ist sicher nicht nur positiv zu bewerten. Aber es ist zu bedenken, dass im Tourismus für das Dorf die einzige Chance bestand, die starke Abwanderung der Bevölkerung einzudämmen. Wenn ich von Besuchern hören muss, dass die Grächener die Landschaft verschandelt hätten, so entgegne ich ihnen, dass sie sich nicht für die Ferienzeit Bergromantik wünschen können, die keine Rücksicht auf die Bedürfnisse der Einheimischen nimmt. Grächen kann als Reservat einer heilen Welt nicht überleben.
Mit dem zunehmenden Tourismus und der herrschenden freien Marktwirtschaft wurden in Grächen - wie in vielen anderen Ferienorten - dem Spekulantentum Tür und Tor geöffnet. Wenn ein Einheimischer sich ein Haus bauen wollten, brauchte er Geld. Hierfür musste er einen Anteil des Bodens an Personen verkaufen, was dazu führte, dass dieser Boden als Grundlage für die Spekulation diente. Auch wurden ganze Grundstücke von Familien, die abgewandert waren, verkauft. Diese waren aber so teuer, dass sie nur von den Spekulanten aufgekauft und bebaut werden konnten.
Die Entwicklung des Dorfes wurde durch den Bau der Strasse massgeblich beeinflusst. Lange schoben die Einwohner das Projekt vor sich her, da eine Pattsituation zwischen zwei gleich starken Parteien bestand. Die eine wünschte sich eben eine Strasse, die andere trat für eine Seilbahn ein. Erst 1949 sprach der Gemeinderat ein Machtwort und beschloss, eine Strasse zu bauen. In den fünfziger Jahren existierte erst ein Hotel in Grächen; der grosse Aufschwung kam in den Sechzigern.
Noch vor etwa 15 Jahren verdiente das Dorf mehr Geld während der Sommersaison als im Winter. Heute ist das umgekehrt, da viele Leute gerne in dieses Skigebiet kommen und davon auch profitieren. Für eine gewisse Zeit verbrachten viele Franzosen, vor allem aus der Hauptstadt Paris, ihre Winterferien über Weihnachten in Grächen. Sie schätzten die billigen Unterkünfte. Viele Grächner Familien stellten in ihren Häusern Platz für bis zu 40 Gäste zur Verfügung.
Die Grächner waren früher vielleicht die besseren Gastgeber als heute, da sie einen viel stärkeren Bezug zum Dorf und zur Natur hatten, und weil früher alle Angestellten im Gastgewerbe Einheimische waren, welche die Landschaft sehr gut kannten.
Als Anpassungen an die Bedürfnisse der Touristen baute das Dorf zuerst Wanderwege, denn früher kamen die Besucher vorwiegend nach Grächen, um sich zu erholen, und dazu gehört nun mal das Wandern. Später kam der Wintersport dazu, wurde zum Trend. Grächen errichtete die dringend benötigten Transportanlagen. Auch die Tennisplätze und Eissportanlagen wurden für die Touristen gebaut.
Â
"Ich lebte mein ganzes Leben in Grächen!"
Ich lebte mein ganzes Leben lang in Grächen und arbeitete hier als Lehrer. Anfänglich wurden nur die ersten vier Primarklassen geführt, später auch die fünfte und sechste. Und vor 25 Jahren wurde das neue Schulhaus gebaut. Wer ins Gymnasium, die Handelsschule oder das Seminar wollte, musste nach Brig und dort ins Internat, da die Distanz für die tägliche Reise zu gross war. Da für damalige Verhältnisse ein solcher Schulbesuch aber sehr teuer war, konnten ihn sich zu meiner Jugendzeit nur etwa 10% der Schüler leisten.
Es ging auch nur derjenige aufs Gymnasium, der anschliessend Theologie studieren wollte. Deshalb besuchte ich das Seminar und schlug die Lehrerlaufbahn ein, was für meine Eltern auch eine weniger kostspielige Variante als die Kantonsschule war.
Â
"Kongo-Peter und Argentinien: Viele Grächner wanderten aus."
Im letzten Jahrhundert gab es sehr viele Auswanderungen, zum Beispiel nach Argentinien. Die Familie Williner von Grächen eröffnete in Argentinien eine grosse Milchverarbeitungsfabrik und bot vielen Grächnern die ihnen nachzogen, Arbeit. Interessant ist, dass in der Fremde der Dialekt und die Akzentuierungen reiner bewahrt wurden als hier im Dorf, wo die Einwohner stärker den Einflüssen anderer Dialekte ausgesetzt waren.
Der Kongo Peter war eine interessante Persönlichkeit von Grächen. Er wuchs in einer grossen Familie auf, besuchte während 8 Jahren die Schule und arbeitete in Zürich. "Kongo Peter" war dann für Schweizer Baufirmen im Ausland tätig, unter anderem in Ghana, woraus die Grächener "Kongo" formten. So gelangte er zu seinem Namen.
Eine weitere bedeutende Person war Alois Schnidrig, ein Ingenieur, der mit dem Bundesrat im 2. Weltkrieg den "Wahlen-Plan" ausarbeitete. Viele Einwohner von Grächen suchten sich Arbeit auf dem Bau, als Maurer oder Handlanger, wenn ihnen die Landwirtschaft keine Existenzgrundlage bieten konnte. Wir waren die "Italiener der Schweiz". Wer die Gelegenheit erhielt, sich im Beruf weiterzubilden, wurde dann eben vielleicht Ingenieur.
Auch in meiner Familie gab es viele Abwanderungen. Nur ich und meine Tochter, die heute auch an der Schule von Grächen tätig ist, sind im Dorf geblieben. Die Gründe für diese Wegzüge liegen in den Berufsaussichten. Insbesondere wer einen akademischen Beruf ergreifen will, der muss sich in einer grösseren Schweizer Stadt umsehen. In Grächen besteht - abgesehen vom Pfarrer und Arzt - eben kein Bedarf an Akademikern.
Â
"Von Freizeit konnten wir in der Jugend nicht einmal träumen."
In der Jugend herrschte früher sicher ein grösserer Zusammenhalt als heute, und von Freizeit konnten wir kaum je träumen. Im Sommer half man auf dem Bauernhof in der strengen Berglandwirtschaft. Im Winter hingegen besuchte man die Schule und war dazu verdonnert am Abend die Hausaufgaben zu erledigen und zu lernen. Schulfrei war nur der Sonntag, der jedoch für die Messe, gefolgt von der Nachmittagsandacht, reserviert war. An schönen Nachmittagen wanderte man anschliessend zwei mal zu Fuss, bepackt mit den Skiern, auf den Berg hinauf, um nach dem harten Aufstieg die Abfahrt zu geniessen. Das Tanzen war in meiner Zeit für die Erwachsenen nicht mehr verboten. Wenn aber wir Jungen dabei erwischt wurden, den Erwachsenen beim Fasnachtstreiben zuzuschauen, dann setzte es saftige Strafen ab.
Â
"Präsident, Pfarrer und Lehrer bestimmten die Geschicke des Dorfes!"
Die drei wichtigsten Männer im Dorf waren früher, in der Zeit meines Vaters und Grossvaters, der Präsident, der Pfarrer und der Lehrer. Mit den "10 Geboten in der Hand" regierten sie das Dorf. Der Pfarrer war auch noch Schulpflegepräsident und hatte - wie zu Thomas Platters Zeiten - grossen Einfluss auf das Dorf. Insofern herrschten Verhältnisse, bei denen wenige Familien über die Politik des Dorfes bestimmen konnten, wogegen viele andere, vor allem auch ärmere Familien, kaum etwas zu sagen hatten.
Der Posthalter war eine der wenigen Personen im Dorf, die gut schreiben konnten. Deshalb wendeten sich viele an ihn, wenn sie Schreibarbeit zu erledigen hatten. Dieser Umstand verhalf im natürlich zu einer gewissen Machtstellung im Dorf.
Eine legendäre Persönlichkeit war Pfarrer Venetz, der den Kirchenbau leitete. Von ihm sind unzählige Anekdoten bekannt, er muss ein scharfsinniger und schlagfertiger Zeitgenosse gewesen sein. Eine Kostprobe: Als er einst eine schwangere Frau auf ihren Bauch angesprochen habe, soll diese gesagt haben: Was geht den Herr Pfarrer an, was ich unter meinem Rock trage, ich frage ihn auch nicht, was er unter seinem trägt. Darauf habe Pfarrer Venetz gesagt: "Das kann ich schon sagen: einen Arbeitslosen!"
Â
<< zurück zu Personen Übersicht




17.05.2012



