Quirin Anthamatten
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Quirin Anthamatten
Quirin Anthamattan hat beinahe das ganze 20. Jahrhundert in Grächen verbracht. Im Gespräch mit ihm wird die Geschichte seiner Jugend und des Dorfes noch einmal lebendig.
Als 1914 der erste Weltkrieg ausbrach, wurde mein Vater in die Armee eingezogen. Über 40 Personen von Grächen teilten mit ihm dieses Los. Zum Glück hatten alle Familien des Dorfes eigenes Vieh und konnten sich so selber mit Milch und Käse eindecken. Dadurch musste niemand starken Hunger leiden.
Wir wohnten etwas ausserhalb von Grächen, und bevor ich zur Schule ging, hatte ich das Dorf nie zu Gesicht bekommen. Wenn ich nicht zur Schule ging, musste ich Vieh hüten und Holz hacken. Freizeit gab es im heutigen Sinne nicht.
Das wichtigste Ereignis im Jahr war die Fasnacht, die jeweils 3 Tage lang dauerte und bei der die Nächte im Gemeindehaus durchgetanzt wurden. Wir Kinder standen in der Dunkelheit vor den Fenstern und schauten heimlich zu, wie die jungen Erwachsenen ausgelassen feierten und karessierten. Hier bildeten sich auch Paare, und viele junge Männer bewirteten drei Tage und Nächte lang ihre späteren Bräute. Die meisten heirateten im Alter von 25 bis 30 Jahren, ich war zum Zeitpunkt meiner Hochzeit 31 Jahre alt. Einmal, im Jahr 1928, verliess der Pfarrer sogar das Dorf, da er mit dem Treiben am Fasnachtsball nicht einverstanden war.
Neben der Fasnacht gab es den Alpaufzug und die kirchlichen Feste, die Jahr für Jahr stattfanden. Eine wichtige kirchliche Prozession führte zur Kapelle von Schalbetten: Hier betete man dafür, dass der Gletscher sich nicht weiter ausdehnte.
Damals gab es zwei "Beizen", die "Hannigalp" - sie wurde 1908 als das erste Hotel des Dorfes errichtet - und das "Mischabel" (die heutige Walliser Kanne). Das Mischabel brannte mehrmals, wurde aber immer wieder renoviert.
Später kam dann die Schule; sie dauerte jeweils von November bis April, erstreckte sich also sechs Monate lang über den ganzen Winter. Alles in allem verbrachten wir gleich viel Zeit in der Schule wie ihr heute, aber eben an einem Stück. Es gab niemals schulfrei, ausser am Sonntag natürlich; und die Lektionen belegten den ganzen Tag.
Im Herbst 1915 wurde der Bau der Strasse aufgenommen. Es gab es eine grosse Debatte im Dorf, ob Grächen über eine Strasse mit dem Tal verbunden werden solle. Daher dauerte es auch eine geraume Zeit, bis die Strasse endlich im Jahre 1953 fertiggestellt und fahrtauglich war. Nach dem Strassenbau, im Jahr 1954, wurde das Hotel Walliserhof errichtet.
Auch die Kirche war ein Bauwerk, an dem sich um 1935 das Dorf beteiligte. Zur Hälfte wurde für "Gotteslohn" gearbeitet. Im Winter, als es eben kaum Arbeit gab, schleppten die Männer unentgeltlich Sand und Steine ins Dorf.
In Grächen gab es vor dem Tourismus kaum Verdienstmöglichkeiten. Viele Einwohner suchten sich deshalb in Graubünden, im Kanton Uri oder Luzern Arbeit, meistens auf dem Bau.
Da ich im Dorf keine Arbeit fand, verliess ich Grächen in meiner Jugendzeit. Ich arbeitete zuerst in Visp als Handlanger für 62 Rappen in der Stunde. Als Maurer verdiente man die für damals beträchtliche Summe von 90 Schweizer Franken im Monat. Im Winter half ich jeweils zu Hause holzen.
In der langen Winterzeit waren die Dorfbewohner stark aufeinander angewiesen. In Grächen gab es deshalb in meiner Jugend eine Theatergruppe, die jeden Winter ein Stück einstudierte, und einen Musikverein, zu dem allen Familien Musiker beisteuerten. Ich denke, dass die Menschen dazumal zufriedener waren als heute, obwohl wir weniger besassen. Wir unternahmen mehr miteinander, wogegen heute jeder für sich schaut und besser als der andere zu sein versucht.
An langen Winterabenden jasste man und erfreute sich an den "verbotenen Tänzen", die so genannt wurden, da die Kirche das Tanzen ausserhalb der Fasnachtszeit nicht erlaubte! Wer vom Pfarrer beim Tanzen erwischt wurde musste eine Busse bezahlen. So erinnere ich mich, dass meine Mutter einmal 5 Franken zahlen musste, weil wir zu Hause getanzt hatten, nach dem Motto: "Gefragt wurde, erlaubt wurde nicht, getanzt wird gleich!"
Natürlich spielten wir auch Jugendstreiche. Aufruhr gab es im Dorf, als wir einmal Schädel aus dem Gebeinhaus nahmen und mit Kerzen versehen als Gespenster an die Strassenränder stellten.
Die Geschicke des Dorfes wurden von einigen wenigen Familien und Personen gelenkt. Dazu gehörte natürlich der Pfarrer. Vor allem Pfarrer Venetz war eine legendäre Person. Er betrieb Sport und fuhr einen schweren Töff, setzte sich auch für den "modernen" Strassenbau ein. Beim Bau selbst musste er - als Geistlicher in einem anderen Stand - aber nicht mithelfen.
Ebenso legendär war der sogenannte "Kongo-Peter", der seinen Namen dem Gerücht verdankte, dass er im afrikanischen Kongo gelebt habe. Fast alle Einwohner in Grächen, manchmal auch ganze Familien zusammen, erhielten Übernamen; Reinhard Walter wurde z.B. als "Giz" bezeichnet, da er in der Schule manchmal wie eine "gwundrige Geiss" aus dem Fenster schaute. Ich bekam den Übernamen "Geschrei, was seinen Ursprung in meinem Umgangston als Vorarbeiter auf dem Bau fand. Ein Brigger, der sackweise Polenta zu kaufen pflegte, wurde nach derselben Mahlzeit benannt.
Die Selbstversorgung war sehr wichtig in Grächen, und jede Familie hatte eigene Kühe, Schweine und Schafe und schlachtete diese auch selber. Auch gehörte zum Eigentum einer jeden Familie ein Acker, welcher bestellt wurde und worauf man Erdäpfel pflanzte. Dazu kam, dass alle ihre eigene Milch und ihren Käse produzierten.
Die Armut war im Dorf zwar überall vorhanden, aber sie wurde versteckt. Die Leute mussten nicht Hunger leiden, da sie ja über Land und Tiere verfügten, konnten sich aber auch nichts leisten. So gab es z.B. eine Stiftung, welche die ärmsten Familien mit Schuhen versorgte.
Grächen galt früher als Kornkammer des Kantons. Diesen Ruf hat das Dorf aber heute verloren. Im siebzehnten und achtzehnten Jahrhundert musste Grächen noch in Visp den Zehnten abliefern. Später rentierte dieser Kornverkauf nicht mehr und er wurde schrittweise eingestellt.
In meiner Jugendzeit gab es in Grächen nur ein Telefon, und das befand sich im Pfarrhaus. Und erst 1924 wurde in Grächen die Elektrizität eingeführt, aber vorerst verfügte nur eine Familie über Strom - was bei den anderen zu bösem Blut führte. Ein Jahr später sorgte die Lonza dafür, dass das ganze Dorf ans Stromnetz geschlossen wurde. Die Kabel wurden noch nicht im Boden vergraben, sondern verliefen auf Stangen vom Dorfzentrum aus zu den Häusern. Vor 1924 musste man mit Petrollampen Vorlieb nehmen.
Ich hatte 13 Geschwister. Mein ältester Bruder wurde Pater im Kloster Mörschwil im Kanton St. Gallen. Auch ein zweiter Bruder wurde Pater, im Kloster "Baldegg", und eine Schwester wurde Nonne. Normalerweise traten nicht so viele Familienmitglieder in ein Kloster ein, aber in allen Familien gab es Personen, die Grächen verlassen mussten.
Zu meiner Zeit erlernte man nicht einen bestimmten Beruf, sondern nahm die Arbeit an, die man erhielt. Da ich so gut Baupläne wie Zeitungen "lesen" konnte, wurde ich mit 28 Jahren Polier.
Zu meiner Jugendzeit wanderten auch viele Einwohner nach Übersee, meistens nach Argentinien, aus. Einige Auswanderer kamen gelegentlich ins Dorf zurück, um Jugendliche für das ferne Land zu begeistern. Auch ich spielte mit dem Gedanken der Auswanderung, wobei mich eher Neugier als Not zur Ausreise bewogen hätte. Meine Familie war aber strikte gegen diese Pläne, und daher wurde auch nichts daraus. Mein Vater hätte ebenfalls nach Amerika gehen können; als er aber eine Stelle bei der Gornergrat-Bahn erhielt, schlug auch er diesen Plan in den Wind.
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17.05.2012



